Essen und Ich

Kurz nach meiner Geburt, bekam ich eine Bewerbung von Essen – Er hatte meine Geburtsanzeige gesehen und wollte sich für die Stelle als mein Ernährer, Versorger und Hüter meiner Gesundheit  bewerben. Ich nahm das Angebot an und viele Jahre arbeiteten wir glücklich Seite an Seite. Bis ich eines Tages mehr wollte.

Beim Erreichen des Teenageralters, stellte ich mit Erschrecken fest, dass etwas mit mir nicht stimmte. Ich war schüchterner als die anderen und nicht hübsch, schlau und ehrgeizig genug. Ich beschloss, dass Essen von nun an dieses Loch füllen sollte. Er hatte jedoch keine Ahnung, wie er diese Aufgabe bewerkstelligen sollte; In seiner Stellenbeschreibung stand nichts davon.  Und so wurden wir beide immer unzufriedener miteinander. Das Loch wurde tiefer und ich verlor aus den Augen, dass es nie seine Aufgabe gewesen war, mich glücklich zu machen. Er konnte es nicht und würde es nie können.

Als ich das einsah wurde es leichter. Ich erkannte, dass ich mir das Loch, das er füllen sollte nur eingebildet hatte. Dass ich mir die Regeln wie ich zu sein hatte, um glücklich zu sein, selbst ausgedacht hatte. Dass ich genauso wie ich war, gut war.

Ich erkannte dass meine Unzufriedenheit mit Essen meine Schuld war und nicht seine. Er hatte seine Aufgabe wunderbar erledigt. Er ernährte mich, versorgte mich mit allen Nährstoffen, die ich brauchte und hielt mich gesund.

Heute verlange ich nichts mehr von ihm, was er mir nicht geben kann und bin unendlich dankbar für das was er mir gibt.

Unerwartete Aussichten

Kennt ihr das? Wenn ihr euch unerwartet im Spiegel seht und ganz anders ausseht, als ihr euch in dem Moment gefühlt habt? Und das dann irgendwie die ganze Selbstwahrnehmung verändert.

Ich hatte das vor kurzem, als ich in der Stadt unterwegs war. Plötzlich stand ich vor einem Schaufenster, das sehr gut reflektiert hat, und sah meine Beine. Und war total enttäuscht. Warum ist das so? Ich kenne meine Beine. Meine Beine haben sich auch in den letzten zwei Jahren nicht nennenswert verändert.

Trotzdem hatte ich irgendwie eine andere Erwartung – eine andere Vorstellung im Kopf. Von Frauenbeinen, wie sie meiner Meinung nach sein sollten. Und weil meine Erwartung sich von der Realität nun mal unterscheidet (Ich hab breitere Knie als mir lieb ist), war ich enttäuscht. Wie mein Kopf auf die Idee kommt Beine zu erwarten, die ich in meinem ganzen Leben nie hatte, ist mir ein Rätsel. Größenwahn vielleicht?

Leider ist das bei vielen Sachen so. Man hat oft Dinge nicht so im Kopf, wie sie sind, sondern wie man sie gerne hätte. Und das macht alles kaputt. Ob es jetzt der Körper ist, eine Situation in der Arbeit oder das gebuchte Hotelzimmer im Urlaub.

Deswegen versuche ich die Dinge so zu sehen wie sie wirklich sind, und nicht wie ich sie mir wünsche. Leider klappt das noch nicht immer. Aber ab und zu doch. Und meine Beine können auch so bleiben wie sie sind.