Essen und Ich

Kurz nach meiner Geburt, bekam ich eine Bewerbung von Essen – Er hatte meine Geburtsanzeige gesehen und wollte sich für die Stelle als mein Ernährer, Versorger und Hüter meiner Gesundheit  bewerben. Ich nahm das Angebot an und viele Jahre arbeiteten wir glücklich Seite an Seite. Bis ich eines Tages mehr wollte.

Beim Erreichen des Teenageralters, stellte ich mit Erschrecken fest, dass etwas mit mir nicht stimmte. Ich war schüchterner als die anderen und nicht hübsch, schlau und ehrgeizig genug. Ich beschloss, dass Essen von nun an dieses Loch füllen sollte. Er hatte jedoch keine Ahnung, wie er diese Aufgabe bewerkstelligen sollte; In seiner Stellenbeschreibung stand nichts davon.  Und so wurden wir beide immer unzufriedener miteinander. Das Loch wurde tiefer und ich verlor aus den Augen, dass es nie seine Aufgabe gewesen war, mich glücklich zu machen. Er konnte es nicht und würde es nie können.

Als ich das einsah wurde es leichter. Ich erkannte, dass ich mir das Loch, das er füllen sollte nur eingebildet hatte. Dass ich mir die Regeln wie ich zu sein hatte, um glücklich zu sein, selbst ausgedacht hatte. Dass ich genauso wie ich war, gut war.

Ich erkannte dass meine Unzufriedenheit mit Essen meine Schuld war und nicht seine. Er hatte seine Aufgabe wunderbar erledigt. Er ernährte mich, versorgte mich mit allen Nährstoffen, die ich brauchte und hielt mich gesund.

Heute verlange ich nichts mehr von ihm, was er mir nicht geben kann und bin unendlich dankbar für das was er mir gibt.

Kannst du es dir vorstellen?

Als ich im Sommer 2013 endlich erfolgreich 15kg abnahm, hatte ich schon so ziemlich alles ausprobiert. Crash-Diäten, Ernährungsumstellungen, exzessive Sportprogramme, Eiweiß- und Obsttage, abends keine Kohlenhydrate usw.

Einige davon waren natürlich von vorneherein zum Scheitern verurteilt – Eiweißtage?! Danach konnte ich echt lange keine Eier mehr sehen. Aber andere waren durchaus vernünftig und hätten schon erfolgreich sein können. Beispielsweise die Ernährungsumstellung.

Warum hat es also nie geklappt? Was war diesmal anders?

Ich glaube der Hauptaspekt war, dass ich es mir zum ersten Mal wirklich vorstellen konnte dauerhaft schlank zu sein. Davor wusste ich zwar, dass ich mich mit viel Anstrengung kurzfristig herunter hungern konnte, aber ich hab nie wirklich geglaubt, dass ich es langfristig halten kann. In meinem Kopf war ich mopsig. Immer. Auch wenn ich es kurzfristig geschafft hatte, habe ich mich nie als schlanken Menschen wahrgenommen, sondern als mopsigen, der gerade mal zufällig kurz schlank ist. Wie ein Gummiband, dass man zwar dehnen kann, doch das immer wieder in seine Ausgangsform zurückploppt, sobald man es loslässt – seine Anstrengungen wieder sein lässt und sich entspannt.

Heute weiß ich, dass es genau anders herum ist. Unsere Ausgangsform ist Normalgewicht.

Wie könnte es auch anders sein? Die Natur strebt, wenn sie in Ruhe gelassen wird, immer zu dem was am besten für sie ist. Warum sollte der menschliche Körper da anders sein? Alles in dir ist darauf ausgelegt dich am Leben zu halten.

Lass also alles fallen was dich von deiner Ausgangsform trennt. Die Vorstellung wie du auszusehen hast, um glücklich zu sein. Deine ängstlichen Gedanken es nie zu schaffen. Die Versuche die Leere in dir mit Essen zu füllen. Deine „So bin ich eben“ Gedanken und lass die Natur ihre Magie vollbringen und dich in deine Ausgangsform zurückploppen.

Deine Gedanken und Verhaltensmuster sind sozusagen die Apps, die du dir über die Jahre heruntergeladen hast. Aber egal wie voll dein Handy ist, die Standardeinstellung ist noch die gleiche. Auch 40 Jahre schlechte Ernährung und negatives Selbstbild können dem nichts anhaben.

Gewöhn dich also lieber schon mal an den Gedanken schlank zu sein 🙂

Welcher Typ bist du?

Es gibt zwei verschiedene Typen, wenn es um das Essverhalten geht, das zu Übergewicht führt: Den Gruppentäter und den Einzeltäter. Beide Typen haben unterschiedliche Merkmale und damit auch unterschiedliche Abnehmstrategien.

1) Der Gruppentäter Das ist jemand, der für sich alleine wenig oder normal kocht, aber keine soziale Veranstaltung ungenutzt lässt, um viel zu essen und zu trinken. Zum Beispiel Kochabende, Kneipenbesuche, Geburtstagsfeiern oder Grillpartys.

2) Der Alleintäter Dieser Typ ist dadurch gekennzeichnet, dass er sich unter Leuten relativ gesund oder zumindest moderat ernährt, dann aber so richtig zuschlägt, wenn er alleine ist.

Die meisten von uns bewegen sich auf dem Spektrum irgendwo zwischen diesen beiden Typen. Welcher Typ bist du?

Ich kann auch schon mal auf einem Geburtstag richtig zuschlagen, aber mein Hauptproblem ist das was ich alleine vor dem Fernseher esse. Ich bin also mindestens zu 80% Alleintäter.

Je nach Typ hat man unterschiedliche Vorgehensweisen:

Der Gruppentäter kann versuchen sich anzugewöhnen auch bei Veranstaltungen achtsam zu essen. Das heißt jetzt nicht, dass er auf einer Grillfeier nur Salat essen und Wasser trinken darf. Eine gute Taktik ist es sich einen Teller voll zu laden und diesen mit allem zu befüllen was man lecker findet (nicht so voll, dass Rheinhold Messner seine nächste Etappe plant, aber voll). Wenn man sich von Anfang an darauf einstellt nur eine Portion zu essen, reicht das auch und man genießt sie um so mehr. Und man ist zufrieden, weil man nicht salatmümmelnd den anderen beim Schlemmen zusehen muss. Eine weitere Strategie wäre es vor dem Ausgehen ein gesundes Abendessen zu kochen und dann in der Kneipe die Snacks weg zu lassen.

Der Alleintäter hat eventuell Schwierigkeiten mit Essen aus den Falschen Gründen: Frust/ Langeweile/ Leere oder welche Emotion es auch sein mag. Hier hilft es immer sein Motiv zu hinterfragen. Möchte ich was essen, weil ich wirklich Hunger habe? Oder nur Appetit? Oder weil ich mich für einen harten Tag belohnen möchte?

Hier können verschiedene Dinge helfen. Wenn man wie ich gerne beim fernsehen isst, kann man sich einen gesunden Snack vorbereiten. Obst, aufgeschnittenes Gemüse oder Humus. Oder man gießt sich eine Kanne Tee auf, denn oft geht es mehr um die Beschäftigung, als um das Essen selbst.

Zum emotionalen Essen:

Es gibt zwei Arten von Energien: Die Körperliche Energie, die von ausreichend Schlaf, guter Ernährung und Bewegung kommt. Und dann gibt es eine zweite: unsere Mentale Energie: mentales Wohlbefinden.

Diese beiden Energien sind oft unabhängig voneinander. Wenn man einer Tätigkeit nachgeht, die einem sehr viel Spass macht, kann man oft lange über die körperliche Energie hinaus aktiv sein und merkt erst, wenn man aufhört wie müde und hungrig man eigentlich ist. Andersherum kann man noch so ausgeschlafen und wohlgenährt sein, wenn man mental abgeschlagen ist, hat man Schwierigkeiten auch nur das Bett zu verlassen.

Emotionales Essen ist nichts anderes als der Versuch mentale Energie mit Essen aufzufüllen. Doch da diese nicht von Essen kommt, ist das so effektiv wie ein Auto mit Milch zu betanken.

Mentale Energie wieder herzustellen ist oft keine Frage von addieren (Essen, positive Gedanken oder andere Versuche) sondern eine Frage des Subtrahieren (Frust, der Glaube, dass man nicht genug ist so wie man ist, usw.)

Was tun wenn der Appetit kommt?

Jeder der gerade aktiv versucht abzunehmen oder generell auf seine Figur achtet kennt sie: Die Appetitattacken, die einen ungebeten überrollen und nicht mehr gehen wollen. Wie kann man mit diesen Attacken umgehen?

Der erste Schritt muss es sein zu hinterfragen, ob der ungebetene Gast nicht vielleicht doch echter Hunger ist. Dann auf jeden Fall zuschlagen. Doch was wenn man sich gerade satt gegessen hat und trotzdem vom Schokomuffin träumt? Dieser gesteigerte Appetit (mehr als nur „och, so bisschen Schokolade wär jetzt ganz nett“) kann viele Ursachen haben. Es könnte sein, dass der Körper in einer Phase in der er zu wenig zu essen bekommen hat (Diät oder einseitige Ernährung) gelitten hat, bis man einen „Rückfall“ hatte und wieder normal gegessen hat, was natürlich ein gutes Gefühl ausgelöst hat, was das Gehirn unweigerlich mit dem Aufnehmen von Nahrung verknüpft hat.

Vielleicht ist es aber auch tiefer in der Kindheit verwurzelt und du hattest eine Mutter, die Haferkekse und Karotten als Süßigkeit anerkannt hat (Jap). Oder du hast es dir zur Gewohnheit gemacht, dich in stressigen Situationen mit Essen zu belohnen. Welche Ursache es auch haben mag, in deinem Gehirn ist Essen mit einem positiven Gefühl oder zumindest mit der Erwartung auf ein positives Gefühl verbunden.

Das heißt, dass was da so laut nach einem Schokomuffin krächzt, bist nicht du, sondern dein Gehirn. Es gibt also keinen Grund, dich dafür zu verurteilen, für schwach zu halten oder aufzugeben. Es ist eine ganz normale Reaktion deines Gehirns. So wie dein Körper wie ein Wunderwerk auf alles reagiert was du machst, um dir zu helfen und dein Überleben zu sichern. Wenn du Gitarre spielst, entwickelt er Hornhaut, gehst du in die Sonne, wird deine Haut braun, um dich vor Verbrennungen zu schützen. Das nehmen wir ja auch nicht persönlich. Dieser Drang sagt nichts über dich aus und du bist auch kein schwaches, disziplinloses Weichei (ist deine innere Stimme auch so fies wie meine?).

Warum Willensstärke der falsche Weg ist

Wenn ich beispielsweise meine Lieblingsserie schaue und extreme Lust bekommen meinen Ostereier Vorrat zu plündern, ist dieses Verlangen ziemlich stark. Wenn ich jetzt Willensstärke anwende, mache ich nichts anderes, als einen Gedanken (ich hätte jetzt verdammt große Lust auf ein Lindor-Ei) krampfhaft mit einem anderen zu ersetzen (Nein, du hast heute so schön gegessen, das hätte dann gar nichts gebracht). Dadurch gebe ich dem Ursprungsgedanken nur noch mehr Stärke und verstricke mich in eine endlose Diskussion mit mir selbst, aus der ich mal als Sieger, mal als Verlierer herausgehe. Und ich muss sie jedes Mal wieder führen, denn Willensstärke ist leider keine Aufgabe, die sich mit einem mal erledigt hat.

Stattdessen suche ich mir ein paar Eier aus, die ich über den Abend verteil essen werde (ok, in den ersten 5 Minuten) und genieße jeden Bissen. Danach ist die extreme Lust die ganze Packung zu leeren weg und ich musste mich nicht mit mir selber streiten (uff, kann ich zickig sein).

Du wirst merken, dass die Appetitattacken weniger werden und an Intensität verlieren, wenn du auf die Signale deines Körper hörst und dich ausgewogen ernährst und dir nichts verbietest. Du wirst immer noch Lust auf deine Lieblingsspeisen haben, aber es wird dir leichter fallen aufzuhören, sobald du satt bist. Hol dein Lieblingsessen von seinem Podest runter in dem du es dir immer wieder in kleinen Maßen gönnst. Für dauerhaften Erfolg darf man sich kein Lebensmittel komplett versagen, so gibst du ihm nur die Kontrolle. Hol sie dir zurück, sie gehört dir.

Was also tun, wenn der Appetit zuschlägt?

Schritt 1) Das Gefühl hinterfragen. Ist es Hunger? Dann etwas essen

Schritt 2) Sich klar machen, dass der Drang nach Essen nichts zu bedeuten hat. Irgendwann im Laufe unseres Lebens wurde Essen mehr Bedeutung gegeben, als ihm zusteht. Das heißt nicht, dass es so ist. Warte einfach ab und versuche an etwas anderes zu denken und schau was passiert

Schritt 3) Er ist immer noch da? Dann gönn dir das worauf du Lust hast in kleinen Mengen. Zähl die Portion extra ab und sag dir selbst bevor du anfängst zu essen, dass es nicht mehr davon geben wird.

Selbstsabotage die keine ist

emotionales Essen ist ein viel diskutiertes, doch oft missverstandenes Thema. Es fallen Sätze wie „Er ist doch selbst Schuld. Warum tut er sich das an? Er könnte doch einfach aufhören!“ Und ich hab mich das auch oft gefragt: Warum esse ich bis mir schlecht ist und ich mich hundeelend fühle? Geschmeckt hat es schon nach dem dritten Schokoriegel nicht mehr. Es fühlt sich an wie Selbstsabotage, sich selbst fertig machen. Doch das ist es nicht. Es ist die beste Methode, die einem in dem Moment zur Verfügung steht, sich wieder besser zu fühlen. Hätte man eine andere, würde man sie benutzen. Man fühlt sich schlecht, einsam, wütend, missverstanden, hoffnungslos oder leer – welches Gefühl es auch sein mag – und möchte zurück zu einem guten Gefühl, zurück zu Wohlbefinden. Meine Methode war zu viel Essen, zu viel fernsehn und zu viel Kaffee. Andere sind: zu viel shoppen, Alkohol, Drogen, Sex oder Sport. Man versucht einfach nur sich besser zu fühlen. Das klingt für mich nicht nach Selbstsabotage, sondern ziemlich verständlich. Das einzige was jetzt noch nicht stimmt ist die Methode. Beziehungsweise EINE Methode. Denn man braucht überhaupt keine. Das gute Gefühl, dass jeder von uns sucht, ist da. Immer. Unter all den Gedanken und Emotionen. Wir spüren es nur manchmal nicht. So wie wir manchmal die Sonne nicht sehen. Trotzdem ist sie über den Wolken immer da. Und genauso ist es auch mit unserem Wohlbefinden. Wir müssen nur warten bis die Gedankenwolken sich verzogen haben.